Körperutopien
Körperutopien

Vor mehr als 350 Jahren begannen wir das Denken über uns selbst zu verändern. Die Menschen der Aufklärung durchschritten nicht länger in zur Sünde verurteilten Körpern ein Tal der Tränen. Anstatt diesen Leidensweg als unvermeidbar anzunehmen, begannen sie die Wiedererlangung des verlorenen Paradieses im Diesseits als zukünftige Vision zu erstreben und als entweder säkulare oder auch religiöse Aufgabe anzunehmen. Diese Utopie erhofften die Menschen in Europa durch die Bildung des Individuums, die Vervollkommnung seiner sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebensbedingungen und nicht zuletzt durch den nicht endenden Fortschritt der Wissenschaften zu verwirklichen.

Das Projekt der Aufklärung ist daher mit der (manchmal als Skandal empfundenen) Erwartung verbunden, das Glück des Einzelnen und der Gesellschaft zu befördern und stetig zu steigern. Was dieses Glück als das höchste Gut menschlichen Lebens sein könne, beschäftigte zwar schon die Philosophen der Antike; erst im späten 18. Jahrhundert jedoch wird daraus ein Menschheitsprojekt, an dem nach der Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien (1776) und der Französischen Revolution (1789) jeder teilnehmen konnte.

Lange Zeit erstrebten in Literatur und Film Individuen ihr Glück im Gegensatz zu Familie, Klasse oder Religion. Bis vor kurzem erzählten viele dieser Geschichten vom Scheitern dieses Kampfes des Einzelnen gegen den Zwang von Konventionen und Traditionen. Andere Geschichten erzählten vom Zusammenprall kollektiver Identitäten und Interessen im Kampf um Rechte ausgebeuteter Klassen oder unterdrückter ethnischer Gruppen.

Heute zeichnet sich eine Entwicklung ab, deren Anfänge bis in die Nachkriegszeit zurückgehen, und die spätestens in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den kapitalistischen bzw. neoliberalen Industriegesellschaften die große Geschichte vom Kampf um das Glück gesellschaftlicher Gruppen ablöst: Die Perfektionierung des Lebens jedes Einzelnen. Das individuelle Glück erscheint als neue Utopie, die nicht mehr ein von der Menschheit oder einer Gruppe getragenes Projekt ist.

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